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Wie ich die Reise nach Marseille erlebte
von  Viviane Franz

Der erste Eindruck von Bois Luzy: Wir schlafen in einem Schloss! Dieser Eindruck wurde verstärkt durch die hohe Decke, die hübschen Gemälde, die schmiedeeisernen Geländer. Unser erster Eindruck wurde sogar noch getoppt, da wir im obersten Stockwerk des Turms – ein ehemaliges Schloss – untergebracht wurden, in zwei aneinander grenzenden Zimmern mit insgesamt acht Betten, das hintere war ein achteckiges Zimmer, mit drei Fenstern! Mit tollem Ausblick auf Notre Dame de la Garde, eine Kirche im Osten von Marseille und Blick aufs Meer!
Am Bad hing ein Schild: „Man muss den Thron rein halten, damit der König regieren kann!“ Auf Englisch und Französisch. Das fanden wir witzig!
In der Auberge „Bois Luzy“ kochten wir abends in der großzügig angelegten Küche und aßen im Speisesaal, der direkt an die Küche anschloss. Morgens war ein Frühstücksbuffet angerichtet, mit Baguette, Butter, Müsli, Orangensaft, Früchten, Kaffee, und es war eine Frau dabei, die das Buffet betreute. In der Jugendherberge gab es einen schönen gemütlichen Aufenthaltsraum mit vielen Büchern in englischer, deutscher und witzigerweise auch in irgendeiner skandinavischen Sprache, einen TV und gemütliche Sessel.
Die Jugendherberge ist umgeben von einem schönen Garten, in dem man grillen und chillen kann. Durch die Lage auf einem der höchsten Berge in Marseille ist die Luft sehr klar; zu Fuß braucht man zwar etwa eineinhalb Stunden zum Hafen, aber der Weg ist angenehm, ein sehr mediterranes Flair, und man freut sich schon auf das Meer.
Ich war übrigens die einzige, die schwimmen gegangen ist im Meer, den anderen war es noch zu kalt und sie steckten höchstens mal ihre Fußzehe ins Wasser.
Am letzten Abend, als wir vom Vieux Port kamen, und nachdem wir mit Sarah und Michi noch tolle Schuhe in der letzten geöffneten Schuh-Boutique nach 20 Uhr gekauft hatten, kamen wir wieder zur Metro-Station Fouragère, und der letzte Bus war weggefahren. Wir fragten den Busfahrer von einem anderen Bus, ob noch ein Bus kommen würde nach Bois Luzy. Er verneinte dies, aber sagte, wir sollten einsteigen, er hätte jetzt Dienstschluss und würde da hinfahren. Wir freuten uns riesig, und tatsächlich: Er fuhr durch die nächtlichen, durch Straßenlaternen erhellten Straßen bis in die Nähe der Jugendherberge. Wir bedankten uns überschwenglich und Mama gab ihm ein paar Euro Trinkgeld. Hätte er diese Extra-Fahrt auch gemacht, wenn ein alter dreckiger obdachloser streng riechender Penner ihn darum gebeten hätte? Oder lag es an meinen blonden Haaren und meinen netten Lächeln und meinem süßen deutschen Akzent? Wer kann das sagen? Jedenfalls waren wir total froh, wir wussten ja auch nicht genau, in welche Richtung wir hätten gehen müssen, und es regnete auch, und am nächsten Tag mussten wir ganz früh aufstehen. Mama würde noch einen Tag länger bleiben, weil sie aus Versehen das eine Ticket für einen anderen Tag gekauft hatte.
Erwähnenswert ist auch unser Besuch eines tunesischen Restaurants an der Ostseite des Vieux Port. Da zahlte man für ein Falaffel-Menü mit Pommes frites und Getränk etwa sechs Euro, und es schmeckte vorzüglich. Ich fand auch die Fernseher mit der Champions-League-Übertragung ganz gut, obwohl wir die Besitzer bitten mussten, es leiser zu machen, weil wir uns sonst nicht unterhalten konnten.
An einem der Abende beschlossen ein paar junge Leute noch, in eine Bar zu gehen, was ich nur Mister X mitteilte, da meine Mutter schon schlief. Also gingen wir, der Walliser LLyr aus England, die Kanadierin Anne, der verrückte Neuseeländer, Lik und ich, wieder zum Cours Julien in eine Bar mit einem großen Biergarten, niedrigen Getränkepreise und diesmal guter Musik zu gehen. Dort war das Marseiller Nationalgetränk Pastis zu empfehlen, das es hier auch in anderen Variationen gab. Ich hatte zum Beispiel einen Mandel-Pastis und Llyr hatte einen Tomaten-Pastis und wir probierten mal an beiden. Der Mandel-Pastis war der beste! Dort unterhielt ich mich auch viel mit Anne, auf Französisch und Englisch und erfuhr, dass sie aus Montréal kam. Lik, der Russe aus Nowosibirsk, der in Hamburg Computer-Technologie oder so studierte, konnte auch Deutsch. Er hatte lange Haare und war sehr freundlich und hatte schon einige Jahre in Norddeutschland studiert.
Eine Reise nach Marseille lohnt sich immer, auch weil Jugendliche bis 26 Jahren kostenlos in alle staatlichen Museen kommen. In Marseille war das nur das MUCEM. Aber in Paris kann man etwa auch den Louvre kostenlos besuchen.
A propos MUCEM: Wir fragten an der Kasse, wieviel der Eintritt kostete und erfuhren, dass es für uns umsonst war. Der Mitarbeiter an der Kasse erriet sofort, dass wir aus Deutschland waren und fragte dann: „Woher kommt ihr?“ Michi und Sarah sagten, sie kämen aus Osnabrück. Daraufhin er: „Ach ja? Super! Cool! Ich habe zehn Jahre lang in Osnabrück gelebt, weil ich da Fußball gespielt habe.“ Dann unterhielten wir uns auf Deutsch, er lud uns zu einem Kaffee ein und gab uns seine Visitenkarte. Er schlug uns eine Tour zu den Calanques vor, zu den Höhlen, wo nur Einheimische Zugang hatten, aber wir hatten dazu keine Zeit mehr.
Am letzten Tag waren wir auch in einem kleinen spanischen Café im „Panier“, obwohl zum „3 Coins“ wollten, das aber geschlossen war. Hier war es ganz gemütlich und Sarah aß einen Apfelkuchen für vier Euro, der aber das Geld nicht wert war. Viel besser waren die Brotschnitten „Pan con tomate“ für etwa zwei Euro.
Es war aber für uns noch ein schöner Abend, wir gingen dann wieder zurück in das Viertel am Vieux Port und suchten verzweifelt ein Schuhgeschäft, damit Sarah Ballerinas kaufen konnte. Ihre Schuhe waren nämlich durch den Regen aufgeweicht und deshalb war der Schuhkauf unvermeidlich. Sie hatte auch schon tolle Schuhe entdeckt, hatte sich aber nicht gleich dazu durchringen können, ins Geschäft zu gehen. Jedenfalls fanden ich, Mama und Sarah je noch ein Paar schöne Schuhe. Die Ladenbesitzer wurden schon langsam ungeduldig und wollten den Laden schließen. Aber Sarah kaufte sich wunderschöne rote Lack-Ballerinas, ich dasselbe in Schwarz und Mama ein Paar schwarze Pumps.
Ergebnis der Reise: Zahlreiche Marseiller Seifen, viele kulinarische Geschmackserlebnisse, viele interessante Menschen und Landschaften, zwei Paar Schuhe, zahlreiche Fotos, einige Oberteile, und eine megateure französische Sonnencreme, die Mister X zwei Stunden lang gesucht hatte. In Marseille gibt es nicht so viele Drogerien wie bei uns. Sonnencreme konnte man in Apotheken kaufen!
Und natürlich die Verbesserung meiner französischen und englischen Sprachkenntnisse, für die mündliche Staatsexamen-Prüfung in Eichstätt!

Er sagte, wir könnten


In Marseille gibt es viele Bars, Cafés und Restaurants, und es immer was los, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Ein guter Geheimtipp ist das Hardrock Café direkt an der östlichen Seite vom Vieux Port. Der Eintritt bei Konzerten ist manchmal kostenlos, man muss aber ein Getränk konsumieren. Das Ambiente ist superschön, in einem Schaukasten hängen verschiedene Outfits, zum Beispiel ein Original-Outfit von Cher und von Kiss, vorne ist die Bühne, die Toilette ist sehr sauber. Im Eingangsbereich ist eine Bar und eine Garderobe. Das Personal ist sehr freundlich! Wir haben es aus Zeitmangel dann doch nicht mehr geschafft, zu einem Konzert zu gehen.
Am Abend unserer Ankunft war viel los auf den Straßen rund um den Vieux Port, da St. Patrick’s Day war, der Irische Nationalfeiertag, an dem jeder in grün gekleidet war, sogar die Briten, Guiness trinkt und feiert. Also zogen wir los in einen Pub, mit Michi und Sarah, die auch in unserem Zimmer schliefen. Dort kauften Sarah, Michi und ich je ein Bier und zahlten stolze 4,80 Euro für 0,33 Liter! Da ist selbst die Maß auf dem Münchener Oktoberfest günstiger!
Mister X, unser mysteriöse Begleiter, den wir zufällig im TGV getroffen hatten und der zufällig in unserem Zimmer schlief, hatte sich in weiser Voraussicht ein Bier aus dem Lidl mitgenommen und musste kein teures Plastikbecher-Bier, das wir sowieso draußen vor der Tür am Hafen tranken, kaufen. Meine Mutter, bescheiden wie immer, teilte sich das Bier mit mir. Nächstes Mal sind wir schlauer und kaufen das Bier woanders!
Also standen wir nun mit unserem Bier am Vieux Port, bewunderten das hell erleuchtete Riesenrad und gingen spazieren in Richtung Catalan Beach (Strand (plage)). Auf unserem Spaziergang entdeckten wir eine Hirschskulptur, die an einem Baum hing, und zwar kopfüber, und zwar vor einem Luxushotel. Das Kunstwerk beeindruckte uns sehr und wir rätselten über dessen Bedeutung und machten Fotos.
Sarah und Inge, meine Mutter, versuchten, hier das WC zu benutzen, wurden aber nicht eingelassen. Die Marseiller sind nicht überall tolerant und offen! Vielleicht waren die Besitzer Amerikaner!
Der nächtliche Spaziergang erinnerte mich an unseren ersten Urlaub in Marseille im Herbst 2013. An einem der Abende feierte das ganze Hostel den Geburtstag eines Kolumbianers. Wir aßen gemeinsam viele südamerikanische Köstlichkeiten und ich zog dann mit den anderen Jugendlichen nochmal los, ohne Mama und Mister X. Meine Mama rief dann alle zehn Minuten an, um zu fragen, ob ich noch leben würde. Später beschlossen alle, in das Hafenbecken zu hüpfen, um uns abzukühlen, nachdem wir geklärt hatten, dass das Wasser nicht so schrecklich dreckig und kalt wäre. und das Hafenbecken tief genug wäre. Für uns Deutsche waren die 25 Grad Celsius nachts im September ja noch Hochsommer, für die Brasilianer dagegen war es tiefster Winter und sie wollten partout nicht ins Wasser, konnten aber von uns überredet werden hineinzuspringen. Wir filmten alles mit Handy. Im Hostel danach wieder angekommen, hieß es erst einmal duschen! Das Wasser im Hafen war doch nicht so sauber gewesen. Es gibt im „Hello Marseille“, wo wir auch damals schon wohnten, nur eine Dusche, aber das machte nichts.
Dennoch war unser nächtlicher Einfall echt cool und aufregend!
Ein anderes gutes Erlebnis war der Salsa-Abend. Vor allem die Brasilianer und der Kolumbianer konnten gut tanzen!
Zurück ins Jahr 2015: Nun stehen wir also hier, bewundern die Stadt und freuen uns auf die kommenden neun Tage in Südfrankreich. Eigentlich wollten wir, das heißt meine Mutter, noch weiter nach Genua fahren und hatten dort auch schon in Levanto ein Haus gemietet. Aber ich und Mister X überredeten Mama, in Marseille zu bleiben. Dafür musste ich bei dem Italiener anrufen und den Text aufsagen, den Mama mir auf Italienisch aufgeschrieben hatte, nämlich dass sie krank geworden wäre und dass wir zu einem späteren Zeitpunkt mal nach Italien reisen würden. Die Frau von Gianni sagte etwas, das klang wie „Va bene“. Damit war das erledigt.
An einem der nächsten Tage beschließen wir, unsere deutsche „Familie“, also Katja aus Berlin, und Sarah und Michi aus Osnabrück und Lik, unserer russischer Adoptivsohn/Cousin, und Mister X, in eine Bar auf dem Cours Julien zu gehen. Wir gehen in eine Impro-Jazz-Bar. Allerdings stellen wir ziemlich schnell fest, dass die Bar und die Musik echt langweilig sind. Die Hobby-Musiker nehmen sich sehr wichtig und die Zuschauer hören gelangweilt und desinteressiert zu. Fast könnte man meinen, man wäre im coolen, reservierten und gelangweilten Paris. Dabei sind wir doch im lockeren, entspannten „Sud de la France“!

Trotzdem hat unsere Familie viel Spaß. Am folgenden Tag klettern wir in den Calanques herum, relaxen in der Sonne und genießen das schöne Wetter und die Aussicht.
Abends gehen wir spontan weg, wieder mit Katja, Michi und Sarah. Meine Mutter und Mister X sind zu müde. Wir gehen ins Exit, eine Bar am Hafen, in der man keinen Eintritt zahlt, aber die Getränke echt teuer sind, vor allem im Vergleich mit den Preisen in Eichstätt. Vorher kaufen wir uns Bier im Nacht-Supermarkt.
Die Musik ist gut, es kommt Chart-Musik. Wir haben da sogar getanzt, hier waren viele Gäste, viele Touristen. Aber Achtung vor den Klos! Die waren dreckig …

 


 

Zwischen Nord und Ostsee
 
 
 
Es war schon immer sehr bequem und angeseh'n
und auch sowieso sehr angesagt seit ehedem
über exotische Gegenden zu berichten
zu sprechen über skurrile Geschichten
Aber über das Altbekannte zu reden,
interessiert ja keinen in diesem Leben
trotzdem oder gerade deshalb will ich
Aufmerksamkeit lenken auf meine Sicht
auf Dinge, die jeder zu kennen scheint.
Wir kennen Schleswig-Holstein von der Werbung, vom Fernseh'n
über Bier, Käse, Milch – über Geschichten, die über's Meer geh'n
die Storys bis hin zu Surf-Typen und Schäferstündchen in Dünen
Kann man als Cliché über den Norden Deutschlands im Grünen
so sehen und hören und auch davon lesen, erinnert sei an Dora Held,
die habe ich bei der Buchmesse mal getroffen, gab mir Autogramm . Ohne Geld!
Aber wie ist dies kleine Land Schleswig-Holstein –
von Niebüll nach Flensburg nur 60 Kilometer
und wohin geh'n die Kühe und Schafe raus und rein,
kommen sie früher oder später?
Das sind so die Sachen, über die man sich mal sollte Gedanken machen
manches ist schon zum Lachen, aber anderes einfach ganz … zum Einschlafen!

Viel ist ja nicht zu sehen in Schleswig-Holstein, Schafe, Wiesen, Bäume, Kühe, Pferde mit grauen T-Shirts … der Wind weht immer, vor allem an der Nordsee, und im Winter ist es milder, und im Sommer ist es nicht so heiß. Was kann man sonst noch sagen? Ach ja, woher kommt der Name Schleswig-Holstein?
Also, zu Schleswig kann ich jetzt etwas sagen, jetzt, wo ich mindestens fünfmal dort am Bahnhof war, um nach Flensburg oder Westerland zu gelangen. Schleswig zählt etwa 18000 Einwohner, wie uns eine nette Frau sagte, die wir öfters beim Umsteigen in Husum trafen, wo wir immer 40 Minuten auf den Zug nach Schleswig warten mussten, um nach Flensburg zu gelangen. Manchmal stiegen wir auch in Jübek um, ein kleiner sympathischer Ort, der über einen Supermarkt mit Getränkemarkt verfügt.
Aber der Reihe nach …
Am Sylvestertag fuhren wir mit dem Zug von Frankfurt nach Hannover, stiegen dort um nach Bremen, wo wir um etwa 23 Uhr ankamen. Wahnsinn, so viele Leute am und um den Bahnhof herum! Und viele Migranten. Jedenfalls fanden wir einen schönen türkischen Imbiss … oder fast schon Restaurant mit überdachter Terrasse direkt gegenüber vom Hauptbahnhof.
Wir aßen einen Döner und warteten dann auf das neue Jahr. Schon vorher wurden viele Knaller und Raketen gezündet, und ab Null Uhr kam das ganz große Feuerwerk. Wir sahen dem Treiben von der Terrasse vor dem Döner-Imbiss zu und gingen dann wieder zum Bahnhof, wo unser Zug nach Hamburg um 1.45 Uhr abfuhr. Wir waren nicht die einzigen im Zug, andere wollten auch um diese späte Stunde in diese Richtung fahren. In Hamburg mussten wir etwa anderthalb Stunden auf den Zug nach Kiel warten. In Kiel hatten wir dann etwa eine Stunde Aufenthalt, mittlerweile war es nach vier Uhr. Direkt am Bahnhof ist auch der Hafen von Kiel. Es war windig und kalt.
Da wir noch Zeit hatten, sahen wir uns die Gegend vor dem Kieler Hauptbahnhof an. Eine Brücke ging über einen Ausläufer des Hafens in die Altstadt. Man sah viele schöne Schiffe, aber es war zu kalt und zu dunkel, um weiter draußen zu bleiben. Aber interessant und geheimnisvoll mit den kleinen Lichtern und dem im Mondschein schimmernden Wasser war es doch .... Hier ließ sich gut - mit entsprechend warmer Kleidung und einem guten Glas Wein - von abenteuerlichen Reisen in ferne Länder träumen ...Beim Bäcker im Bahnhof standen schon viele Leute Schlange, wir hatten aber noch keinen Hunger und keine Lust, unser Geld auszugeben, und um etwa sechs Uhr ging es dann weiter nach Husum, und dann nach Westerland auf Sylt.
Naiv, wie wir waren, hatten wir gedacht, dass wir jetzt die schöne Nordseeinsel Sylt für uns hatten, dass alles menschenleer war, aber das Gegenteil war der Fall! Es waren mindestens zweitausend Leute hier unterwegs, schon am frühen Morgen traf man ganze Menschenströme auf der Einkaufsstraße, die zum Meer führt. Der Zugang zum Meer selbst war wegen den Buden, wo man Kurtaxe - zwei Euro - bezahlen muss, nicht so ganz frei und unbeschwert, aber man muss auch sehen, dass der Strand gepflegt und mit Sand aufgeschüttet werden muss und dass insgesamt viele Maßnahmen unternommen werden müssen, um das Meer daran zu hindern, das Land abzufressen und die Insel Sylt vor dem Verschwinden zu bewahren.
Wir fühlten uns wohl in der Nordseeluft und gingen spazieren bis Wenningstedt, wo das große berühmte Gosch-Haus, mit Fisch-Restaurants und -Imbissstuben in ganz Deutschland vertreten, viele Menschen anzog, denn hier hat man einen Blick direkt auf's Meer und kann die Toilette im Keller ohne Probleme benutzen. Gegenüber vom Gosch ist eine kleine Kneipe und ein Kiosk, der aber irgendwie nicht geöffnet war. In seiner romantischen Popeligkeit als kleine Strandhütte wurde diese Örtlichkeit aber vom großen Gosch-Restaurant in seiner pompösen Aufmachung, die schon fast an solche großen Fress-Tempel wie McDonalds gemahnt, in den Schatten gestellt.
Später sah ich dort aber dann schon ein paar Leute in der kleinen gemütlichen Kneipe sitzen, aber es handelte sich wohl um eine eingeschworene Stammgast-Gemeinschaft, und ich wollte hier als Fremde auch nicht mich dazu gesellen.
Es gibt mindestens zwei parallel verlaufende Wege von Westerland in den Norden nach List, einer näher am Meer und ein anderer, der vielleicht eher für Pferde gedacht ist.
Der Hauch der Nordseeluft ist überall spürbar und der Geruch des Seegrases und der Pinien ist wohltuend und erinnert an die ständige Präsenz dieser Goldstaubinsel, die von allen so begehrt ist, dass der Tourismus hier wohl nie zum Erliegen kommt.
Uns wurde mitgeteilt, dass traditionell die Leute zu Sylvester alle nach Sylt fahren, aber ich glaube, die meisten waren aus dem Ruhrgebiet und Norddeutschland.
Man findet aber trotzdem noch einsame Plätzchen, vor allem im Süden von Westerland, wo es nach Rantum und Hörnum geht, ist alles menschenleer, bis auf ein paar einsame Wanderer und Radfahrer. Vielleicht liegt das daran, dass hier Sylt nur noch ein schmaler Strich in der Landschaft, links und rechts vom Meer begrenzt, ist. Jedenfalls fühlt man sich hier sehr allein, wenn man so herumläuft, auf der Autostraße fahren Autos und alle paar Meter sieht man ein reetgedecktes Haus.
Obwohl Sylt sehr teuer ist, kann man auch ein paar Supermärkte und Fischbuden finden, wo man zum erschwinglichen Preis Essen kaufen kann. Nur was die Kurtaxe betrifft, da kennen sie kein Pardon. Ganz früh morgens am Neujahrstag war noch niemand in den Buden, wo die Kurtaxe kassiert wird, aber schon ab zehn Uhr war die Lage eine andere und man musste ein paar Meter südlich laufen, bis man einen Weg durch die Dünen zum Meer fand, wo nicht kassiert wurde. Zwar gibt es auch hier solche Buden, aber ohne Kassierer.
Ich finde ja die Kurtaxe gerechtfertigt, weil Sand beschafft werden muss, und andere Maßnahmen ergriffen werden müssen, um die Insel gegen das Meer zu verteidigen, aber ich sah auch, dass genügend Millionäre mit ihren dicken BMW's unterwegs waren, um für Geldströme zu sorgen … Die zahlreichen Geschäfte, Restaurants und Hotels sind auch ständig gut besucht, so sind auch Einnahmen für Sylt immer gesichert.
Übrigens stand auf dem Gebiet des Ortes Westerland früher die Ortschaft Eidum, die Ende des 15. Jahrhunderts von einer Flutwelle zerstört wurde. Danach wurde Westerland errichtet, wie man auf einer der vielen Schautafeln am Wegesrand lesen kann.
Dass Sylt so gut besucht ist, liegt sicher auch daran, dass es eine Insel ist, die mitten im Meer liegt und trotzdem mit dem Zug zu erreichen ist. Der Schicki-Micki-Faktor - die Anwesenheit der vielen Promis - spielt da vielleicht auch eine Rolle, aber die gute Anbindung ans Festland ist sicher auch ein Bonus! Da der Hindenburgdamm die Insel mit dem Festland verbindet, ist Sylt gleichzeitig abgelegen und gut erreichbar. Wahre Ströme von Autos ergießen sich täglich auf die Insel. Sie gelangen mit dem Autozug dorthin, entweder ab Hamburg-Altona, wo die Autos direkt durch den Bahnhof auf den Autozug fahren, oder ab Niebüll. In der Nähe der Autozug-Ankunftsstelle findet man auch ein Bowling-Center, wo wir auch vergebens ein Internet-Café gesucht haben. Auf der ganzen Insel gibt es wohl kein Internet-Café mehr, außer vielleicht im Kongresszentrum am Meer, das aber am Sonntag Abend schon geschlossen war.
Über Schleswig, die Namensgeberin des Bundeslandes Schleswig-Holstein, noch so viel: Früher war dies ein wichtiger Handelsplatz für die Wikinger. Grundsätzlich ist zu sagen, dass Schleswig-Holstein nur dünn besiedelt ist und dass wohl die Stadt Kiel die größte Bedeutung hat, obwohl jetzt nur noch vorwiegend Segelregattas stattfinden, und dass Handelsschiffe keine große Rolle mehr spielen.
Dem Tourismus kommt in dieser Gegend im äußeren Norden Deutschlands die größte Bedeutung zu!
Eine schöne und bedeutende Stadt ist auch Flensburg, an der Ostsee, an der Grenze zu Dänemark, mit ihrem großen Hafen mit den vielen neuen und alten Schiffen. Hier übernachteten wir im Hostel, in der Nähe des Bahnhofs, und hier fährt auch ein Bus nach Niebüll. Das ist eine kürzere Verbindung zur Nordsee als der Weg über Schleswig und Husum mit dem Zug. Sehenswert auch der Flensburger Bahnhof, mit seinem leicht altertümlich angestaubten Charme!
Eine Reise nach Schleswig-Holstein ist also interessant und dient der Erholung. Bei stundenlangen Spaziergängen kann man abschalten und gute Nordseeluft atmen! Auch Asthmatiker und Hautkranke können von dem guten Klima profitieren.
Nächstes Mal werde ich aber ein Laptop mitnehmen, um eine Verbindung zur normalen Zivilisation und zur übrigen Welt sicherzustellen!
von Inge Franz

 

Odyssee durch die Kommando-Zentrale Europas

Brussels by Night and Day

von Inge Franz und Viviane Franz

 

 


Vor dem Atomium, Brüssel (Inge Franz) 

 

Bin in Frankfurt in Eurolines-Bus gestiegen, um meine Tochter Viviane in Brüssel zu treffen. Der Bus fuhr dann auch einigermaßen pünktlich ab, also 10 Minuten später, um 6.10 Uhr. Der Busfahrer konnte kein Deutsch und nur ein bisschen Englisch, deshalb war ich froh, dass ich zehn Jahre Anglistik studiert hatte, dann hatte das doch einen Zweck gehabt!


 

Neben mir kam dann eine ukrainische Mittsechzigerin mit viel Gepäck und viel Körperumfang. Die Arme saß am Gang, während ich es bequemer hatte am Fensterplatz und nicht runterfallen konnte. Sie konnte all ihre Sachen in der Gepäckablage verstauen, weil die anderen so gut wie nichts dabei hatten. Da ich die ganze Nacht nicht richtig geschlafen hatte, konnte ich im Bus ganz gut bis acht Uhr schlafen.


 

Als ich erst mal angefangen hatte, mit meiner ukrainischen Nachbarin zu reden, hörte sie nicht mehr auf mit Reden. Das hatte ich mir schon gedacht, sie war so der Typ .... Ich fand es ja auch ganz gut, dass wir kommunizerten, aber zuerst war ich halt ganz schön müde gewesen und einfach eingeschlafen. Sie erzählte mir von ihrer beruflichen Vergangenheit als Mitarbeiterin im Labor im Krankenhaus, und dass sie da manchmal auch Blutproben von schwerst Krebskranken entnehmen musste, die schon fast im Sterben lagen und deren Haut durch das Cortison schon ganz kaputt war. Jetzt ist sie jedenfalls Rentnerin und kam von Gießen nach Frankfurt, um mit dem Bus nach Antwerpen zu fahren, wo ihre Enkelin wohnt. Sie hatte auch Geschenke für die Urenkel dabei. Kurz vor Brüssel - Gare du Nord (Nordbahnhof) war ich schon ungeduldig und nervös, die Frau vor uns sagte, es würde noch lange dauern, bis wir da wären. Ungefragt sagte sie, dass Brüssel sehr dreckig und Deutschland viel besser wäre, und das es hier viele Ausländer und Bettler gäbe. Sie sah übrigens selbst sehr ausländisch aus mit ihrer braunen Haut und dem schwarzen Haar, naja ...


 

A propos Ausländer: In der schönen Domstadt Köln kam erst mal ein Trupp Zollkontrolleure in den Bus und manche wurden ganz schön gefilzt. Der dickliche Typ neben uns, der Spanier war, wie wir dann mitkriegten, musste alle seine Taschen leeren und wurde gefragt, ob er Waffen oder Drogen dabei hätte. Sogar die Zigaretten wurden untersucht, zum Glück war kein Haschisch drin.


 

Eine andere Spanierin musste dann in Köln bleiben, weil, wie gemunkelt wurde, sie erst einen falschen Pass gezeigt hatte. Sie sah ziemlich verzweifelt aus, als ich noch mal aus dem Bus herunterguckte, wo sie mit den Zollbeamten sprach und ihr Gepäck aus dem Bus holen musste.


 

Arme Spanierin ...


 

Jedenfalls kamen wir mit einstündiger Verspätung in Brüssel an. Am Nordbahnhof stand ich ratlos vor Fahrplänen und S-Bahn-Linien-Plänen, die nicht das ganze S-Bahn-Netz zeigten. Ich wusste nicht mehr, wohin ich musste, obwohl ich vorher geglaubt hatte, dass alles relativ easy wäre, nachdem ich informiert worden war, dass die Jugendherberge an der Haltestelle "Botanique" lag. Aber wenn man irgendwo neu ist, ist man eben auch sehr unsicher und fragt lieber mal. Nachdem ich einen müden und mürrischen Busfahrer gefragt hatte, wie ich zum "Jardin Botanique" käme, antwortete er, es gäbe zwei verschiedene davon, und ich könnte mit dem Bus Nummer Soundso dorthin kommen. Sicherheitshalber rief ich lieber Vivi an (obwohl eine Minute Telefonieren in Belgien 59 Cent kostet); sie konnte mir sagen, dass ich bei "Botanique" aussteigen und mit der S-Bahn fahren sollte. Sie sagte mir auch, mit welchen S-Bahnen ich fahren sollte, so ungefähr. Jedenfalls - nach öfterem Fragen bei anderen Passagieren konnte ich die richtigen S-Bahnen in die richtigen Richtungen erwischen und Vivi auch erspähen, an der Ampel beim Ausgang "Rue Royale" beim Botanischen Garten.


 

Wir gingen zur Jugendherberge "Jacques Brel" in der Rue La Sablonnière. Der berühmte belgische Sänger hat sicher Generationen von französischsprachigen Musikern beeinflusst. Für mich ist Jacques Brel einer der besten Chansonniers, abgesehen von Georges Brassens und Georges Moustaki, der vor Kurzem leider verstorben ist. Aber Charles Aznavour lebt ja noch. Aber hier in dieser Jugendherberge hatte – wie es schien – noch niemand etwas von ihm gehört. Hier in der Auberge de Jeunesse hatte Vivi schon zwei Plätze für uns reserviert und bezahlt. Nachdem wir unser Zimmer bezogen hatten, das war ab fünfzehn Uhr möglich, und das Zimmer war ganz modern und hatte ein sauberes Bad, gingen wir in die Stadt. Auch Vivi schien nicht sonderlich begeistert, als ich ihr ein paar Chansons vorsang - - aber vielleicht ändert sie noch ihre Meinung, wenn ich ihr zuhause ein paar Songs von diesem brillanten Sänger vorspiele.


 

Wir fuhren mit der S-Bahn zum Musée de l'Armée, das in einem schönen Park oberhalb von der Europäischen Kommission und vom Europäischen Rat lag. Ganz Brüssel ist übrigens sehr bergig, es geht hoch und runter und von manchen Punkten kann man ganz Brüssel sehen. Das Museum war schon geschlossen, wir gingen dann runter zu den Europäischen Institutionen und konnten auch dort mal ins Foyer und uns umsehen und ein bisschen mit den Pförtnern plaudern. Wir fragten sie nach einem Info-Zentrum für Besucher, aber sie wussten nur etwas von einer Führung durch die Europäische Kommission und das Parlament und den Rat, das wäre immer donnerstags vormittags, und man müsste sich anmelden.


 

Es lagen auch ein paar Broschüren herum. Man konnte auch Formulare ausfüllen, um E-Mails mit Infos zugesendet zu bekommen. Das betraf aber keinesfalls irgendwelche politischen Entscheidungen der EU-Kommission, sondern lediglich den geplanten Umbau des Gebäudes. Ich nahm mir die Frechheit heraus, die Fragen zu stellen, ob der Umbau wirklich nötig wäre und wem das Ganze nützen könnte.


 

Wir sahen viele wichtigtuerische Anzugträger mit Aktenkoffern, von denen war auch Vivianes Bekannter einer, der sich aber selbst nicht so wichtig nimmt, zum Glück. Der Stefan macht ein Praktikum in der Europäischen Kommission, und zwar in der Bayerischen Landesvertretung. Bei ihm und seiner Freundin konnte Viviane die erste Nacht schlafen, bevor wir uns trafen.


 

Nachdem wir alles fotografiert und angesehen hatten, gingen wir weiter hinab, wo wiederum ein Park war, an dem viele Cafés und Restaurants lagen, und ein Supermarché von Carrefour-Express, besonders teuer, weil in der Nähe von den Europäischen Institutionen. Wir gingen zu Maison Antoine, wo alle schöne Fritten kaufen, mit Sauce. Wir holten eine Portion für 2,70 Euro mit Sauce (Kostenpunkt: sechzig Cent), und konnten diese mitnehmen in eine Kneipe, wo wir ein Bier tranken.


 

(Wir mussten sowieso uns mal die Hände waschen gehen)


 

In der Kneipe waren alle fröhlich und erzählten sich französische (wallonische) oder flämische Witze. Es war auch echt gemütlich dort. Alle waren augenscheinlich angeheitert vom guten belgischen Bier, das eher süßlich schmeckt, wahrscheinlich wegen dem Malz. Vielleicht erheiterte sie auch die Tatsache, dass sie einen gut bezahlten, sicheren Job bei den Europäischen Institutionen hatten, was ja nicht jeder Europäer von sich behaupten kann ....


 

Wir gingen danach nach Hause, in die Jugendherberge.


 

Am nächsten Tag, einem Dienstag, konnten wir das gute Frühstück der Jugendherberge genießen. Es gab Weißbrot und Graubrot - beides sehr weich mit einer knackigen Rinde, Marmelade, eine Art Rübensirup aus Lüttich, Käse, Eier und Wurst. Wir wollten dann mal in die Nähe des Meeres fahren, nach Oostende. Wir fragten den netten Angestellten von der Jugendherberge nach der besten Abfahrmöglichkeit dorthin. Er meinte, Schiffe könnten wir auch im Internet sehen und wir sollten lieber nach Brügge fahren. Er gab uns auch eine Gratis-Stadtkarte, die von den Einheimischen gemacht war, die es auch für andere europäische Großstädte gibt, und in der viele Infos über Brügge, auch über die bewegte Geschichte dieser Stadt, drin standen.


 

Trotzdem erklärte er uns den Weg zum Zentralbahnhof. Wir orientierten uns an der Stadtkarte und wollten die Rue Royale hinuntergehen, aber dann trafen wir auf eine Straßensperre und guckten erst mal zu, was da los war. Da waren viele Offiziere und paradierende Soldaten, die das Ende des I. Weltkriegs feierten. Politiker legten Kränze an einem Denkmal nieder, leider haben wir verabsäumt, genau zu gucken, wer mit diesem Denkmal verewigt wurde, nur eins steht fest: Es war eine ziemlich hohe Säule und oben war eine goldene Figur. Nachdem das ganze Tamtam vorüber war, inklusive viele Gedenkminuten, und Musik von einer Kapelle, Salutieren etc., gingen wir in die Stadt, gaben den Plan auf, nach Oostende (französisch ausgesprochen: Uustond) zu fahren und gingen statt dessen – nach Besichtigung der schönen Kathedrale - zur Grande Place, wo viele schöne Häuser, mit Gold, stehen, dort ist auch das Biermuseum anzutreffen, wo man für fünf Euro Eintritt auch noch ein Bier umsonst kriegt. Nachdem wir auch das berühmte Manneken Pis gesehen hatte, ein Brunnen mit einem pinkelnden Jungen, zu dem es verschiedene Legenden gibt, und wo sich Tausende von Touristen tümmeln und Fotos machen, trafen wir den Bekannten von Viviane, und wir fuhren zusammen zum Atomium. Stefan hatte grade frei, er hatte bis abends eine Pause, dann musste er wieder mit irgend einer Delegation zum Essen gehen (lecker!). Er macht nämlich ein Praktikum bei der Europäischen Kommission.


 

Stefan betätigte sich als Reiseführer und erklärte uns, dass das Atomium früher aus Eisen bestanden hatte, dann gerostet hatte, und jetzt mit einer Art Aluminium umkleidet ist. Beim Atomium, im Nordwesten von Brüssel in einem Park gelegen, gibt es auch ein Mini-Europa, eine Art Freizeitpark mit nachgemachten Sehenswürdigkeiten aus ganz Europa, und viele Imbiss-Stuben. Stefan empfahl uns, dann mal Richtung Königspalast zu gehen, durch den Park. Das taten wir dann auch, nachdem wir an einem kleinen Lustschlösschen mit einer Statue des Königs Leopold I., vorbeigekommen waren, das auf einem Berg lag. Leopold I. war ja derjenige König, der den Kongo – den größten Staat Afrikas – erobert und kolonisiert und alle armen Bewohner grausam unterdrücken und foltern ließ, wenn sie nicht genug Baumwolle ablieferten. Vielleicht war deshalb alles abgezäunt, damit die wütenden Kongolesen – in Belgien scheint es eine Menge Schwarzer / Kongolesen zu geben, ca. fünfzig Prozent – es nicht zerstörten.


 

Also, der Königspalast war auch gut abgezäunt, ein zwei Meter hoher Zaun aus Eisenstäben, links und rechts Säulen mit Stein-Löwen drauf, sicherte das Anwesen gegen etwaige Eindringlinge ab. Vor diesem Zaun verlief eine große Hauptverkehrsstraße. Aber wenigstens gab es einen roten Briefkasten davor. Übrigens drehten sich dreißig Prozent unserer Gespräche um die Frage, warum wohl die belgische Königsfamilie in Deutschland nicht so bekannt wäre, wie das etwa bei den Niederländischen Royals der Fall war. Unsere Vermutungen gingen oft dahin, dass die Sprachbarriere (Französisch / Flämisch) daran schuld war, es könnte aber auch einfach sein, dass Philippe, der König der Belgier, zurückgezogener lebt. Gegen diese These könnte aber sprechen, dass auch die Luxemburgische Großherzogsfamilie in Deutschland keinesfalls oft in der Regenbogenpresse vertreten war. Aber vielleicht leben die auch so zurückgezogen ...


 

Naja, wir gingen dann wieder zurück zum Atomium und konnten die Beleuchtung dieses Gebildes bewundern. Dann suchten und fanden wir ein Verkehrsmittel zurück Richtung Stadt, erst mit der Straßenbahn, dann wieder zwei verschiedene S-Bahnen.

Übrigens, kleiner Tipp für Brüssel-Reisende: Es ist ratsam, sich vor der Reise nach Brüssel einen Stadtplan mit Metro-Plan zu besorgen.


 

Abends aßen wir eine Portion Spaghetti Bolognese in der Jugendherberge, lernten den netten schwarzen Barkeeper aus Guinea und eine nette Kanadierin und einen netten Brasilianer kennen, mit denen wir bis in die Nacht hinein redeten. Der Barkeeper spendierte uns sogar eine Runde Bier! Wir ließen das alternative Kino und den Film über Diskriminierung von Homosexuellen in Uganda sausen und unterhielten uns lieber mit diesen netten Leuten aus aller Welt. Es war richtig fröhlich, und wir machten Witze über die Redewendung „Ich gehe mir die Hände waschen“, die vor allem bei Engländern üblich ist, um auszudrücken, dass man auf die Toilette gehen muss.


 

Am Mittwoch hatten wir Probleme mit der Kaffeemaschine im Frühstücksraum, weil sehr wenig Kaffee für jede Tasse herauskam. Vivi traute sich, das Personal zu fragen, was da los sei. Die Angestellte erklärte, diese Kaffeemaschine sei nicht so gut wie die andere, und ließ zur Probe mehrere Kaffeetassen herauslaufen. Sie wollte dann alles wegschütten, aber ich wollte es trinken. Es stellte sich heraus, dass die andere Kaffeemaschine doch besser war. Irgendwie schmeckte mir der Kaffee nach diesen ganzen Experimenten nicht mehr so gut …


 

Wir konnten unser Gepäck noch im Kellerraum unterstellen, denn wir wollten noch ein bisschen Shopping in Brüssel machen. Unser Weg führte uns zu einer Kirche von Béguinage – die Beguinen waren eine Art Nonnen früher – und hier gab es ein Flüchtlingscamp hinten in der Kirche, das wir erst entdeckten, als wir schon die anderen Sehenswürdigkeiten der Kirche bestaunt hatten. Darunter befand sich auch eine hölzerne Treppe, die zu einer Art Beichtstuhl führte und schön geschmückt war und mitten in der Kirche stand. Der Geruch der Kirche erinnerte mich stark an ein italienisches Lebensmittelgeschäft in Legnaro oder Levanto, in der Nähe der Cinqueterre. Wahrscheinlich benutzten sie dasselbe Reinigungsmittel. Es gab auch Infotafeln zu der Situation der Flüchtlinge aus Iran und anderen Kriegsregionen, und zur Ablehnung von Asylanträgen eines Afghanen, der schließlich zurückkehren musste und von den Taliban ermordet wurde. Es war sogar ein Foto von seinem Gesicht zu sehen, als er wohl schon tot war! Das war alles sehr gruselig und traurig und wir spendeten ein paar Cent für wohltätige Zwecke. In der Nähe dieser Kirche befand sich der Fischmarkt, aber auch die Börse. Eine eher einsame Gegend … Nachdem Vivi in einem kleinen Lebensmittelladen am Fischmarkt ein bisschen Wasser gekauft hatte, entdeckten wir auch eine schöne Bäckerei mit einer marokkanischen Bäckersfrau und kauften wieder mal ein schönes Törtchen mit Creme und Himbeeren. Wir aßen es in dem Café gegenüber, das sehr nach Zigarettenrauch roch, weshalb wir uns lieber neben der offenen Tür platzierten. Hier gab es auch zwei Flipperautomaten modernen Stils. Wir tranken hier mal wieder Bier, wieder andere Sorten. Die Belgier haben mindestens zweihundert Sorten Bier, und alle schmecken gut – hier könnte man direkt zum Biertrinker werden!


 

Auf dem Weg in die Jugendherberge – alles zu Fuß – kamen wir an einem Horrorkabinett mit gruseligen Insekten und merkwürdigen Puppen im Käfig vorbei, das stand alles im Schaufenster, aber es gab sonst keine Hinweise, was es damit auf sich hatte. Außerdem kamen wir noch am Hotel Astoria vorbei, das gerade renoviert wurde. Auf einer Tafel war zu lesen, dass hier unter anderem Churchill, Eisenhower und ein japanischer Kaiser übernachtet hatten, wahrscheinlich bei irgendwelchen Friedenskonferenzen oder so ….


 

In der Jugendherberge trafen wir wieder die ganzen Schweden, mit denen Vivi in der Nacht zuvor geplaudert hatte. Sie sahen eigentlich ganz normal aus, ein bisschen wie Deutsche und ein bisschen wie Lasse, Bosse, Lisa und Inga aus den Büchern von Astrid Lindgren, aber sie sprachen eine ganz andere Sprache … Auch der Brasilianer war noch da, er war weder nach Brügge noch nach Amsterdam gefahren und hatte wohl die ganze Zeit an seinem Laptop verbracht. Aber da war er ja nicht der einzige – wir waren wohl die einzigen gewesen, die mit ihrer Zeit etwas Sinnvolleres angefangen hatten, als nur im Internet zu surfen und zu chatten und zu mailen, zu checken, up- und down- zu loaden.


 

Unbesorgt machten wir uns auf den Weg zur Gare du Midi, wo wir nach Aachen fahren wollten. Wir mussten dort Schlange stehen vor dem Schalter, und als wir dran kamen, bekamen wir die Fahrkarten, aber ohne Fahrplan. Das lag wahrscheinlich daran, dass der Schalter um sechs Uhr abends zumachte und es kurz vor war. Der Angestellte sagte auch, ich könnte schon Reduktion für meine Bahncard bekommen, aber nur an einem anderen Schalter. Wir gingen dann auch noch nach nebenan, wo ein anderes Reisebüro war. Hier konnten wir dann Näheres zu unseren Umsteige-Orten erfahren, und einen Ausdruck für die Zugverbindungen bekommen. Wir hatten wenig Zeit, konnten aber noch feststellen, dass der Bahnhof sehr schön und altehrwürdig war, mit viel Marmor, aber auch modernen Elementen.


 

Um nach Aachen zu kommen, mussten wir in Welkenreidt, einem kleinen Ort an der Grenze, umsteigen. Zum Glück wartete der Zug dort auf die Reisenden, und innerhalb von zwei Stunden waren wir in Aachen, wo wir dann in einem Hostel am Bahnhof übernachteten.


 

Am nächsten Tag dann erkundeten wir die Innenstadt, den Dom, das Haus, wo Versammlungen von europäischen Politikern zusammen gekommen waren, um den Frieden (Westfälischen Frieden?) zu schließen. Am besten wäre es, das alles mal im Internet zu recherchieren. … Was aber noch erwähnenswerter erscheint: Die Wärterin vom Apothekenmuseum, das gratis Zutritt gewährte, zeigte uns anhand einer Kaiser-Karl-Puppe, die zum Jubiläum hergestellt wurde und die es fast überall zu kaufen gab, wo man diese Puppe hätte besser platzieren können. Sie nahm diese über ein Meter große Puppe in die Hand und demonstrierte es uns. Sie war also sehr engagiert und freundlich, auch wenn wir kein Interesse daran hatten, das angeschlossene Museum zu besuchen, für das man Eintritt bezahlen musste. Die Aachener Printen waren übrigens auch nicht schlecht, sie passten ganz gut in den Magen, den wir vorher mit fettem Braten in der Stadt-Kantine in der Nähe des Theaters belastet hatten. Denn es handelt sich bei Aachener Printen um eine Art Lebkuchen mit vielen Gewürzen und kaum Fett,


 

Jedenfalls war unsere Reise ein Erfolg und wir haben vieles Neues entdeckt, darunter auch Belgische Fritten, Pralinen und Waffeln und -. wie gesagt - Aachener Printen, mit und ohne Schokolade und Nüssen in der Glasur.


 

Aber mal ehrlich: Wenn ich jetzt an die Reise zurückdenke und überlege, was mich am meisten beeindruckt hat, dann würde ich sagen: Die Offenheit und Freundlichkeit der Belgier, die weniger arrogant sind als die Franzosen und der Grand’ Place inmitten von Brüssel, sowie die gute Luft, die wahrscheinlich vom nahe gelegenen Meer kommt.


 

Außerdem fiel mir auf, dass mindestens dreißig bis fünfzig Prozent der Leute in den Straßen Schwarze, also stärker pigmentierte Menschen mit Migrationshintergrund, hauptsächlich aus Afrika, waren, in der U-Bahn vielleicht sogar achtzig Prozent!


 

Auch unser DJ, Wirt, Kellner und Essenszubereiter, der Mann aus Guinea, in der Jugendherberge Jacques Brel, war Schwarzer. Er war sehr freundlich und redegewandt und machte dauernd Witze, sogar auf seine eigenen Kosten. Zum Beispiel gab er uns eine Runde Bier aus, und als keiner sich freute, wunderte er sich darüber. Ich sagte, das war witzig gemeint, dass in Deutschland alle dachten, die armen Negerkinder müssten von uns unterstützt werden, das fand er so witzig, dass er herzlich lachte und sagte: "Give me five", also mich abklatschte. So sorgte er für gute Laune unter den Gästen - und steigerte nebenbei sicher auch den Umsatz in der Bar. Vivi und die anderen Gäste waren so angetan von seinem Unterhaltungswert, dass sie bis fast fünf Uhr morgens im Innenhof saßen (trotz Kälte) und redeten und redeten und redeten. Das ganze Herbergsgebäude ist sehr gemütlich und wurde 1985 vom belgischen Kulturminister eingeweiht. Eine Plane liegt auf einem Teil des Innenhofes, das ist wahrscheinlich eine Baustelle, und es scheint, als wäre das schon seit Jahren so. Aber diese Lässigkeit der Belgier, die es mit der Ordnung und anderen lästigen Dingen nicht so genau nehmen, hat mich eher fasziniert ...


 

Brüssel – für viele ein Synonym für die Europäische Kommission – ist viel mehr. Man muss es selbst erlebt haben!


 

Inge Franz / Viviane Franz